Schwarzwald-Tradition trifft Moderne: Schreiner Thomas Rothfuß visualisiert für seine Kunden Raumplanungen als virtuelle Kameraflüge, bei denen die Grenzen zur Realität verschwimmen. Zum Beispiel für ein Einfamilienhaus in Tumlingen.

Foto: David Franck

Wo man ihn auch trifft: Seinen Bleistift hat Thomas Rothfuß immer hinterm Ohr. Falls das Schreibwerkzeug nicht gerade gebraucht wird: „Mir reichen drei Striche auf dem Papier, damit ich weiß, was ich tun soll“, sagt er. Dem anspruchsvollen Privatkunden aber, das weiß der Schreiner aus Schopfloch, reichen ein paar Striche längst nicht mehr. Wenn es um Räume oder komplette Innenausstattungen nach Wunsch geht, ist es im Zeitalter von virtueller Realität und Fotorealismus mit einer simplen Visualisierung am Computer nicht mehr getan. So wirklich wie die Wirklichkeit sollte es schon sein. Mindestens.

Thomas Rothfuß, der die Schreinerei in der vierten Generation betreibt, erhält seine Aufträge heute von Architekten und gewerblichen Kunden („da muss man pünktlich und gut sein“) ebenso wie von privaten Bauherren, die das Können eines Schreiners neu entdecken. Diese Zweigleisigkeit unterscheidet ihn von seinen Vorfahren – und ist eins seiner Erfolgsrezepte.

Auch ohne das beliebte Kuckucksuhr- und Wetterhäuschenklischee zu bemühen: Was das Handwerk betrifft, gilt der Schwarzwald vielen noch immer als sehr traditionell. Das betrifft auch das Holzhandwerk, das zwischen Hochrhein und Kraichgau naturgemäß eine besondere Bedeutung hat. Die Wahrheit ist: CAD-Konstruktion und die Fertigung auf CNC-Maschinen sind – bei entsprechender Größe und Ausrichtung der Schreinerei – natürlich auch im Schwarzwald längst der Normalfall. Thomas Rothfuß geht in diesem Punkt aber noch einen Schritt weiter.

„ Kunden brauchen die Visualisierung heute, um sich für den Kauf zu entscheiden.“

Foto: Michael Haller

Bei ihm und seinen 13 Mitarbeitern trifft die Tradition des Schwarzwalds auf das moderne Bild der durchdigitalisierten Schreinerei, in der die Emotion fotorealistischer Abbildungen und hohe handwerkliche Effizienz beste Freunde sind. Denn je treffender, realer und begeisternder die virtuellen Bilder sind, in denen der Privatkunde seine Wünsche wiederfindet, desto schneller ist auch der Schreiner am Ziel.

Eine Inneneinrichtung mit vielen Raffinessen. So auch bei einem besonders interessanten Projekt in Tumlingen, dem Einfamilienhaus von Familie Schairer. Nahezu die komplette Inneneinrichtung hat Rothfuß zusammen mit den Planern von w|Architekten aus Freudenstadt entwickelt. Die Zusammenarbeit mit Architekt und Bauherr war vom ersten Moment an sehr intensiv, erzählt der 37-Jährige und lehnt sich entspannt an eine seiner CNC-Maschinen, die vor Ort durch handgeführte Maschinen von Mafell ersetzt werden. Fast jeder gemeinsame Termin fand auf der Baustelle statt: „Wir haben die Einrichtung praktisch aus den Gesprächen heraus gestaltet.“

Fotos: Karl Huber

Als alles gesagt und der Entwurf fertig war, lud Thomas Rothfuß zur ersten „Besichtigung“ ein: einem virtuellen Kameraflug durch das Haus. Die Schairers waren verblüfft von der Realitätstreue der Visualisierung. Haustüre, Zimmertüren, Treppenverkleidung, Einbauschränke, Garderobe und komplette Küche – die vierköpfige Familie konnte es vorab virtuell und ganzheitlich begutachten. Und später dann, als das Team von Thomas Rothfuß alles gebaut und montiert hatte, auch ganz real. Für viel Freude sorgte dabei die raffinierte Treppenanlage. Die beiden Treppen des Hauses sind über drei Etagen miteinander verbaut, nehmen verschiedene Möbelfunktionen auf und erzeugen eine Menge Stauraum in Form eines integrierten Schiebetürenschranks. Auch das Haustürelement mit dem Garderobenschrank samt integriertem Briefkasten begeisterte.

Eine Mitarbeiterin nur für Visualisierungen. Für die Visualisierungen hat Thomas Rothfuß sogar eine eigene Lehrstelle geschaffen. Jessica Bingert absolviert eine Ausbildung zur Technischen Produktdesignerin und zeichnet mit einer speziellen CAD-Software alle Projekte, die Thomas Rothfuß für Privatkunden realisiert. Eine Funktion, die man in Schreinereien dieser Größenordnung wohl eher selten findet. Rothfuß könnte das auch, aber er ist lieber in der Werkstatt oder beim Kunden.

Die technischen Zeichnungen sind die Basis für fotorealistische und emotional wirkungsvolle Visualisierungen, die Thomas Rothfuß dann via App und Tablet seinen Kunden als räumliches 360-Grad-Erlebnis präsentiert. Gerne auch als Gang mit der VR-Brille durch das Objekt. „Das ist für uns das wichtigste Verkaufsmedium, weil den Kunden die Entscheidung damit leichter fällt“, berichtet Rothfuß – auch wenn einige noch lieber Papier sehen: „Manchen ist 3D einfach too much“, sagt er und steckt den Bleistift wieder dahin, wo er hingehört: hinters Ohr.